Diese Frage stellen sich in Anbetracht seiner gestrigen Leistung viele Radsportler.
Wenn man die über zwanzig Etappensiege bei der Tour de France, einen Sieg in Milan San Remo (eines der längsten Eintagesrennen im Profikalender), das diesjährige grüne Trikot der Tour und den spektakulären Sieg bei der Weltmeisterschaft an diesem Wochenende bedenkt (von allen anderen Siegen im Bereich Rennrad und Bahnrennen mal ganz zu schweigen), vergisst man schnell, dass er gerade einmal 26 Jahre alt ist!
Sicherlich können Hoy und das restliche Bahnrad-Team auf beeindruckende Leistungen bei den Olympischen Spielen zurückblicken; Boardman hat seine Rekorde, Robert Millar war Bergkönig der Tour de France und Simpson kann sich seines Platzes in den Herzen britischer Radsportler sicher sein.
Aber was Mark Cavendish in einer so kurzen Zeit erreicht hat, wird in die Geschichte des Radsports eingehen und zwar nicht nur die Groß Britanniens, sondern weltweit.
In diesem Jahr allein hat er zwei Etappen des Giro d‘Italia, fünf Etappen der Tour de France, zwei Etappen der Tour of Britain, die London Surrey Cycle Classic (einen Probelauf der Strecke der Olympischen Spiele 2012 in London) und jetzt die Weltmeisterschaft gewonnen.
Falls Sie den Sieg am Sonntag nicht live verfolgt haben: Es war eine echte Teamleistung, was schwer genug ist, wenn man das ganze Jahr über mit den Teamkollegen trainiert. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass die Fahrer normalerweise gegeneinander antreten!
Das diesjährige britische Team bestand in erster Linie aus Team SKY Fahrern wie Wiggins, Froome, Cummings, Hund, Thomas und Stannard. Die Ausnahme bildeten Team Garmin-Cervelo Fahrer David Millar und natürlich HTCs Mark Cavendish. Dass ein Team aus vornehmlich SKY Fahrern den Fahrer eines anderen Teams so unterstützen, ist beachtlich. Wenn man zwischen den Zeilen liest, kann man jedoch erahnen, bei wem Cavendish seinen neuen Vertrag unterschrieben hat!
Das Team führte den Großteil der 260 km langen Strecke und nur das deutsche Team konnte sich ebenfalls für einen erwähnenswerten Zeitraum an der Spitze halten. Zu Anfang des Rennens setzte sich eine Ausreißergruppe von gefährlichen Fahrern, insbesondere der kasachische Fahrer Iglinsky mit zwei Astana Teamkollegen, vom Peloton ab. Obwohl sie jeweils für ihr eigenes Land antraten, schienen sie zusammen zu arbeiten. Wie so oft verloren sie jedoch allmählich ihren Vorsprung, da die Fahrer sich weigerten, sich füreinander anzustrengen.
Der kritische Punkt der Strecke schien die Verpflegungsstation zu sein, an der sich in allen vier Runden Angriffe abspielten. Wiggins und Millar bewahrten jedoch einen kühlen Kopf und behielten ihr gleichmäßiges Tempo bei, ohne sich zu Angriffen hinreißen zu lassen. Die Tour de France Favoriten Voeckler und Hoogerland hingegen versuchten es, verloren jedoch am Ende ihren Schwung – was wahrscheinlich daran lag, dass sie sich zu sehr dabei verausgabten, einander anzugreifen!
Nahe der Verpflegungsstation ereignete sich rund 60 Kilometer vor dem Ziel ein großer Unfall, in den unter anderem der vorherige Weltmeister Thor Hushovd und der Luxemburger Frank Schleck verwickelt waren. Hushovd machte weiter, obwohl er beinahe zwei Minuten zurücklag; Schleck hingegen beendete das Rennen.
Als das immer noch recht große Peloton (aus insgesamt 90 Fahrern) die letzte Kurve erreichte, sah es so aus, als ob dem britischen Team ein Strich durch die Rechnung gemacht werden könnte: Fahrer unterschieldichster Nationalitäten kamen von allen Seiten und ließen scheinbar keinem Ausweg für die Sprinter. Cavendish wurde an den Rand gedrängt; vor ihm befanden sich nur noch Stannard und Thomas und er war komplett von anderen Fahrern umringt, als sich die Geschwindigkeit von den durchschnittlichen 45 Kilometern pro Stunde erhöhte. Es bestanden wenige Lücken und plötzlich waren es nur noch 200 Meter bis zum Ziel. Cavendish schoss schließlich vorn durch eine winzige Lücke und fand ein freies Stück Straße. Der Australier Matt Goss, sein Teamkollege bei HTC, war der Einzige, der ihm folgen konnte, selbst als es bereits klar war, dass Cavendish gewinnen würde.
Der dritte Platz war heiß umkämpft und je nachdem, auf welchem Sender man das Rennen verfolgte, schien entweder Greipel oder Cancellara die Nase vorn zu haben. Letztendlich war es so knapp, dass Greipel das Rennen nur um Millimeter für sich entscheiden konnte. Eine Enttäuschung für Cancellara, der in derselben Woche bereits das Zeitfahrtrikot an den ebenfalls deutschen Fahrer Tony Martin verloren hatte.
Beim Erreichen der Ziellinie verwandelte sich die Erschöpfung auf den Gesichtern der britischen Fahrer in Euphorie. Nach drei Jahren Planung hatten sie es geschafft, dem weltweit schnellsten Sprinter auf 260 Kilometern zu seinem Regenbogentrikot zu verhelfen!
Wie geht es für Cavendish weiter?
Sofern man den Gerüchten Glauben schenken kann, wird Team SKY im nächsten Jahr ein Regenbogentrikot begrüßen dürfen. Die Olympischen Spiele sind natürlich extrem wichtig und Cavendish hat bereits angedeutet, dass er sowohl für die Spiele, als auch die Weltmeisterschaft große Ambitionen hat. Die Frage ist jedoch, ob sich dies auf seine Leistung bei der Tour auswirken wird.
Wie auch immer er sich entscheidet, mit gerade einmal 26 Jahren können wir mit Sicherheit noch eine Menge von Mark Cavendish erwarten!

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