Die Tour de France 2012 ist nun wahrhaftig in vollem Gange – und was für eine aufregende erste Woche das war. Die meisten Touren der letzten Jahre begannen mit einem dominanten Sprinter, ein paar offensichtlichen Gesamtwertungs-Anwärtern und einer Reihe von Stürzen. Das Großartige an der Tour 2012 ist, dass fast alle dieser Vorhersehbarkeiten sich verändert haben!

Gesamtwertung

Fabian Cancellara

Cancellara und Prologe scheinen füreinander geschaffen zu sein, und er hat hier keinesfalls enttäuscht, sondern die Latte des Wettbewerbs noch um einiges höher gehängt, in dem er sich gegen den Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin (der eine Panne erlitt) und Bradley Wiggins in Bestform sowie gegen zahlreiche andere Zeitfahr-Spezialisten durchsetze.  Der Star des Teams Radioshack Nissan Trek hat nach seiner Schlüsselbeinverletzung, die er sich während der Flandern-Rundfahrt zuzog, zur Topform zurückgefunden. Niemand erwartet von einem großen Fahrer wie Cancellara, dass er das Gelbe Trikot lange behalten wird, aber er tat es mit Stolz, kämpfte die ganze Woche um den Spitzenplatz und strebte sogar nach einem 2. Etappensieg am anspruchsvollen Anstieg der Côte de Seraing, wo er unaufhaltsam von Peter Sagan verfolgt wurde, dem er schließlich unterlag. Sogar als es erstmals richtig in die Berge ging, kämpfte sich Cancellara heldenhaft die Planche des Belle Filles hinauf und klammerte sich an das Gelbe Trikot, musste sich aber der zweigleisigen Attacke in Form von Wiggins und Froome geschlagen geben, der die Etappe gewann. Cancellara galt im ersten Einzelzeitfahren als Favorit, aber der Druck, das Führungstrikot eine Woche lang zu behalten und die Bergfahrten des vorherigen Tages raubten Spartacus Kraft, sodass er gegen Wiggo verlor, der eine beeindruckende Fahrt hinlegte. Die Geburt seines 2. Kindes steht unmittelbar bevor, weshalb Cancellara die Tour nun verlassen hat. Dies wird ihm wohl auch helfen, gezielter für Olympia zu trainieren, und ihm Zeit für die nötigen Erholungsphasen geben.

Bradley Wiggins

Wiggo, der fürs Team SKY antrat, war der Favorit der Wettbüros und wurde sogar noch höher gehandelt als Vorjahressieger Cadel Evans für BMC. Wiggo startete mit nur einem Ziel ins Jahr 2012, und sein Eifer war ungebrochen, weshalb er die meiste Zeit des Frühlings mit exzessiven Alpinfahrten verbrachte, um für die Bergankünfte zu trainieren. Daraufhin konnte er die beiden Etappenrennen Dauphine und Romandie für sich entscheiden, der perfekte Auftakt für die Tour. Nachdem er im Prolog den ersten Platz knapp verfehlte, blieb er zunächst außer Gefahr, musste sich jedoch dennoch vor den anderen Wettkämpfern um die Gesamtwertung hüten. In der ersten Woche ließ Wiggins auf sich warten, und als die Berge in Sicht kamen, wurde für die Hoffnungsträger der Gesamtwertung klar, dass sie hier wahrhaftig geprüft wurden – was den meisten zu viel wurde. Nicht so für Wiggins und Team Sky Kollegen Chris Froome, der Cadel Evans auf der Planche des Belle Filles erfolgreich attackierte. Wiggins schien der finale Steigungswinkel von über 20% nicht viel auszumachen, ja er musste nicht einmal aus dem Sattel aufstehen. Evans dagegen sah recht verbraucht aus, was Froome für sich nutzte und den Etappensieg anpeilte, nachdem er seinen Job, Wiggo an die Ziellinie zu bringen, als getan ansah. Wiggins zementierte seine Führung über Evans mit einer erstaunlichen Leistung im Einzelzeitfahren und seinem ersten Etappensieg, der für ihn sicher ein ganz besonderer war, trug er doch das Malliot Jaune.

 

Cadel Evans

Evans war im Vorfeld der Tour zwar gut, aber nicht außergewöhnlich gut. Sein Sieg im internationalen Kriterium zeigte, dass er über den Winter nichts an Kraft eingebüßt hatte, aber er scheint sich im Vergleich zum Vorjahr nicht verbessert zu haben. Ohne das komische Doppel der Brüder Schleck überholen zu müssen, hat er die sehr viel schwierigere Aufgabe, das kraftvolle Team SKY und die Zeitfahrkunst von Wiggins und Froome zu schlagen, die Evans einfach nicht überbieten kann. Seine einzige Chance besteht darin, auf ein Missgeschick oder nachlassenden Eifer der Mitstreiter zu hoffen, vielleicht auch darin, Teejay Van Garderen und auch den Rest des Teams zu opfern und als reine Berghelfer anzusehen.

Der Rest

Die Glanzleistungen des in Kenia geborenen SKY-Fahrers Chris Froome haben ihn vom Edelhelfer (des Kapitäns Wiggins) zum Gesamtwertungs-Bestreiter (und Etappensieger) aufsteigen lassen. Momentan hält er sich mühelos auf dem 3. Platz – bei SKY betont man, dass dies nicht unterstützt wird, doch es kann nur gut sein, in den nächsten 2 Wochen zwei Fahrer am Start zu haben, die in ihrer Leistung so eng beieinander liegen. Auch Vincenzo Nibali hat im Windschatten seiner Rivalen einen guten Job geleistet und sogar im Einzelzeitfahren gut abgeschnitten. Er könnte in den Bergen sogar eine größere Bedrohung als Evans darstellen, was für Liquigas jedoch einen Interessenskonflikt darstellt, da Sagan das Grüne Trikot innehält. Aber keine Sorge – dieser Fahrer kann recht gut auf sich selbst aufpassen! Auch Denis Menchov, Teamleader von Katusha (ebenfalls ein ehemaliger Giro-Gewinner) hat ganz unauffällig Schritt gehalten, doch es lässt sich schwer sagen, ob er daraus einen Vorteil ziehen kann. Fränk Schleck vom Team Radioshack hat selbst zugegeben, dass ein Platz auf dem Podium unrealistisch ist (wahrscheinlich weil sein Bruder das gesagt hat). Zu den anderen Gesamtwertungs-Wettstreitern, die durch Abwesenheit glänzten, gehören Jurgen Van den Broeck, Janez Brajkovic und Michele Scarponi. Doch Achtung – das bedeutet nicht unbedingt, dass sie nicht mehr im Rennen sind. Manchmal sorgt eine kleine Auszeit dafür, dass Fahrer von der Bildfläche der Gesamtwertung verschwinden und erlaubt ihnen Ausreißversuche.

Sprinter

Peter Sagan

Mit seinen 22 Jahren ist Liquigas-Fahrer Sagan der zweitjüngste Fahrer der Tour. Was ihm an Jahren und Erfahrung fehlt, macht er durch unbeirrten Ehrgeiz wett. Die 1. Etappe nahm er relativ leicht, bei der  3. Etappe fiel er weit genug zurück, um dann einen triumphalen „Forrest Gump-Sprint“ hinzulegen (gefolgt vom „Hulk“ in der 6. Etappe – angeblich hatte das Team in der Nacht zuvor den Film gesehen). Bisher hat Sagan 3 Etappen gewonnen und führt mit 22 Punkten Abstand zu seinem nächsten Rivalen Matt Goss, der für das Team Orica GreenEdge sprintet. Greipel und Cavendish liegen jeweils 45 und 88 Punkte im Rückstand. Sogar wenn er gerade nicht Etappensieger wird, gewinnt Sagan Fans, indem er bei Endanstiegen mühelos Wheelies vollführt und freihändig fährt, bei denen die meisten Sterblichen vor Anstrengung aus dem Sattel kippen würden. Seine Possen werden von einigen als arrogant bezeichnet, aber es ist schön zu sehen, wie sich ein junger Fahrer im Spektakel der Tour de France amüsiert. Bisher konnte er außerdem die Massenbedrängnis vermeiden, was entscheidend ist wenn er das Malliot Vert bis Paris behalten will.

Andre Greipel

Das deutsche Kraftpaket ließ sich von der letztjährigen Team SKY-Aufstellung inspirieren und scheint mächtig für den Sprint trainiert zu haben, um sicher an die Ziellinie zu kommen. Leider enthält eine Etappe für jeden Sprinter so viele unvorhersehbare Faktoren, dass niemand bei jeder Etappe den Erfolg vorhersagen kann. So gesehen waren Greipels beide aufeinander folgenden Siege in der 4. und 5. Etappe wie aus dem Lehrbuch (in der 4. Etappe ließ er Sagan hinter sich, in der 5. Cavendish). Außerdem hat er bis jetzt keine schweren Stürze erlitten.

Mark Cavendish

Der Sprintkönig des Vorjahres Mark Cavendish hat vielleicht nicht regelmäßig mit dem Team SKY trainiert, da dessen Fokus auf der Gesamtwertung lag, doch das hat ihn nicht davon abgehalten, das richtige Fitnesslevel zu haben. In der 2. Etappe kamen die Fans der schnellen Flachlandsprints am Ende in den Genuss eines Showdowns zwischen Greipel und Cavendish: Greipels Lotto Belisol Teamkollegen brachten ihn mit schierer Präzision an die Ziellinie, die „Manx Missile“ sprintete im Raketentempo und konnte ihren 21. Tour-Etappensieg verzeichnen. Der Rest der Woche verlief allerdings nicht besonders gut für Mark, denn er erlitt eine Reihe von Stürzen; nach einem von ihnen fuhr er sogar mit zerrissenem Regenbogen-Trikot und zerbrochenem KASK Helm ins Ziel.

Matt Goss

Bis jetzt fuhr Goss, der für Orica GreenEdge ins Rennen geht, in dieser Tour im Schatten seiner Konkurrenten, immer nahe dran, aber ohne letzlich einen Sieg erzielen zu können. Seine Position in der Wertung spiegelt dies wieder; zwar liefert er bei den Mittelstrecken-Sprints gute Leistung ab, doch er scheint nicht wie die anderen die Kraft zu haben, die im Endspurt entwickelt wird. Sein Sprint scheint ein bisschen zu früh zu beginnen, denn es gilt noch zwei Wochen weiterzufahren, was dem neuen australischen Team viel Zeit für Perfektion und einen Etappensieg lässt.

Bergwertung

Mit nur ein paar eroberten Hügeln trägt momentan Kessiakoff vom Team Astana das gepunktete Trikot des besten Bergfahrers, das er von Froome übernommen hat. Je nachdem wie die Gesamtwertungsfahrer in den nächsten Tagen die Bergfahrt angehen, könnte Froome das Trikot leicht zurückbekommen, da diese die meiste Zeit weit vorne bleiben möchten um Punkte zu sammeln. Leider muss Dan Martin, KOM-Hoffnungsträger für Garmin Barracuda Sharp (und jetzt Bestplatzierter in der Gesamtwertung) noch einige Punkte sammeln, aber die Chance dazu wird er hoffentlich in den Pyrenäen haben.

Jungprofis

Teejay Van Garderen vom Team BMC Racing hat seinen Job außergewöhnlich gut gemacht: In der gesamten ersten Woche ist er in den Top Ten geblieben, wo er sein Trikot ein paar Mal mit Cofidis-Fahrer Rein Taaramae tauschte. Dessen Stärke sind Anstiege, während Van Garderen im Zeitfahren glänzt. Eine Rennwoche entscheidet jedoch nicht immer über die Platzierung in einer Gesamtwertung, und nachdem Tony Gallopin von Radioshack weniger als eine Minute zurückliegt, könnte sich das Blatt bald wieder wenden.

Ausgeschiedene

Ryder Hesjedal, Samuel Sánchez, Kanstantsín Siutsou, José Joaquín Rojas, Maarten Tjallingii, Maarten Wynants, Marcel Kittel, Wout Poels, Thomas Danielson, Mikel Astarloza, Amets Txurruka, Óscar Freire, Davide Vigano, Hubert Dupont, Robert Hunter, Imanol Erviti, José Iván Gutiérrez, Anthony Delaplace, Johannes Fröhlinger, Gorka Verdugo, Tony Martin, Matt Lloyd und Fabian Cancellara.

Disqualifikationen

Remy di Gregorio